Mein heutiger Gedankengang über gute Ratschläge im Internet

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Gerade bin ich wieder über einen Facebook-Post gestolpert. Und so, wie mir schon viele ähnliche Posts vorher aufgefallen sind, so bin ich auch  jetzt wieder hängengeblieben. Sinngemäß stand da:

„Ich habe mir so viele Dinge für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr vorgenommen. Und jetzt hänge ich den ganzen Tag auf dem Sofa rum. Gestern war ich so müde und erschöpft, dass ich gar nichts geschafft habe. Abends war ich total unzufrieden, weil ich den Tag so vergeudet hatte. Heute bin ich schon mit diesem schlechten Gewissen aufgestanden und habe schon wieder nichts geschafft….“

Die Antworten waren alle ziemlich gleich: „Du musst auch mal ausruhen. Du darfst es dir gut gehen lassen ohne jedes schlechte Gewissen. Wenn du müde bist, dann musst du auch entspannen. Du bist nicht faul, du bist erschöpft. Hast du die Stimme deiner (bösen) Mutter im Ohr, die immer wieder mit dir schimpft? Du musst dich nicht schlecht fühlen. Du bist gut so wie du bist, auch wenn du nichts tust. Tu das, was dir Spaß macht. Die Arbeit läuft dir nicht weg…..“

Und ich frage mich jedesmal: woher kennen all die netten, ratgebenden, unterstützenden Menschen denn die Fragestellerin? Haben die irgendwelche Infos, die ich nicht habe? Übersehe ich was?

Wahrscheinlich haben sie ein Bild vor Augen: übermüdete Mutter dreier kleiner Kinder. Ständig am Kochen, Putzen, Staubsaugen und Aufräumen. Geht noch ein paar Stunden die Woche putzen, damit sie das Haushaltsgeld aufbessern kann. Spielt, bastelt und singt jeden Tag mit ihren Kindern. Fällt abends todmüde ins Bett und kann nicht mal richtig schlafen, weil eins der Kinder sie immer aufweckt. Und jetzt ist die Arme nach Weihnachten so fertig, dass sie kaum noch vom Sofa hochkommt…..

Was aber, wenn das gewählte Bild gar nicht stimmt? Was, wenn die Verfasserin eine junge Frau ist, die in einer Messie-Bude haust? Wenn sich in ihrer Wohnung die vollen Mülltüten stapeln und das Essen vor sich hinschimmelt? Wenn sie keine sauberen Kleider mehr im Schrank hat und im Bad alles verschmutzt ist? Wenn sie vielleicht sogar noch Kinder in dieser Wohnung hat, die in der Schule ausgelacht werden, weil sie immer dreckig rumlaufen und keine Schulsachen oder Pausenbrote dabei haben?

Anderes Szenario: was wäre denn, wenn die Post-Verfasserin depressiv wäre? Wenn der Arzt oder der Psychologe ihr dringend zu einer festen Tagesstruktur geraten hätten, damit sich ihr Zustand verbessert? Wenn sie seit Wochen keine Nacht durchschläft, weil sie den ganzen Tag auf dem Sofa liegt und sich für nichts und niemanden aufrappeln kann? Wenn sie mittlerweile schon keine Lebensmittel mehr daheim hat und ihre Wohnung total verkommt, weil sie keinen Fuß mehr vor die Tür setzt? Wenn sie total vereinsamt, weil sie keine Energie mehr für zwischenmenschliche Beziehungen mehr hat? Wenn sie manchmal noch nicht mal in der Lage ist, ihre Medikamente zu nehmen?

Wären mit diesen (erfundenen) Hintergrundinformationen die Ratschläge vielleicht anders ausgefallen?

Deshalb: ein Ausschnitt zeigt nie die ganze Realität. Dein Gehirn ergänzt fehlende Teile – diese müssen aber nicht mit der Realität übereinstimmen. Mach dir zuerst ein Bild vom großen Ganzen.

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