Perfekt unperfekt

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PERFEKT UNPERFEKT

Was kann ich nicht? Und was werde ich auch niemals lernen können? Nun, normalerweise kann man alles lernen. Ich finde diesen Spruch so cool: „Ich kann alles, was ich brauche. Und was ich nicht kann, kann ich lernen!“

Was ich nicht kann? Lügen. Ich kann es nicht. Es geht einfach nicht. Meine Freundin hat mir vor -zig Jahren beibringen wollen, wie man lügt (Boah, Mensch, das sind jetzt tatsächlich schon fast 25 Jahre her). Effekt? Sie kann es jetzt auch nicht mehr. Ich bin der Typ, der nicht mal im Parkverbot parken kann ohne Schweißausbrüche zu bekommen. Lügen und anderen etwas vormachen, was nicht da ist – ich kann es einfach nicht. Auch wenn es manchmal durchaus vorteilhaft wäre. Mein Mann sagt immer: „Du glaubst aber auch wirklich alles!“ Ja, das ist der Nachteil daran. Da ich selbst nicht lügen kann, gehe ich immer davon aus, dass andere auch nicht lügen. Das ist aber definitiv falsch, das habe sogar ich mittlerweile erkannt. Ich habe mich aber auch nicht bewusst dazu entschieden, so zu ticken. Das bin einfach ich. Ich denke so, ich empfinde es so – und meistens reflektiere ich es auch nicht.

Aber etwas hat mich dann doch über einen längeren Zeitraum nicht losgelassen. Da ich ja ständig in Facebook und Instagram unterwegs bin, sehe ich auch die vielen Fotos meiner Bekannten. Ich rede nicht von Freunden, denn die kenne ich ja allzu gut. Bekannte, die man irgendwo kennengelernt hat, oder die man gut findet und deren Profilen man folgt. Und was sehe ich? Perfekte Menschen, perfekte Familien, perfekte Wohnungen, perfekte Gärten, perfekte Mahlzeiten…. alles so wunderschön in Szene gesetzt und fotografiert. Warum sieht es denn bei mir nicht so aus? Warum sehen WIR nicht so aus? Da kommt doch ein ganz klein bißchen Neid auf. Wäre es nicht schön, wenn alles um uns rum so perfekt wäre? Warum ist es das denn nicht?

Nun….. ein paar kleinere Erklärungen hätte ich ja schon. Wir haben hier keinen freien Bodenraum. Denn dort stehen überall Hundekörbchen, Katzenkörbchen und natürlich der tolle neue Pappkarton rum, den irgendeine Katze immer besetzt hat. Aktuell total in ist der Pappkorb von Rewe. Unser Kater Garfield hat wohl beschlossen, dass das sein absolutes Traumhaus ist. Wie kann ich den Karton dann wegräumen? Gar nicht, geht nicht.

Mein Bücherregal? Es würde mit all seinen Fachbüchern auf Fotos bestimmt ganz doll beeindruckend wirken. Doof aber, dass genau in dieser Ecke der Katzenkratzbaum steht. Wirkt dann nicht mehr grad so intellektuell. Aber es ist der beste Platz, dass wir unseren Katzen auch zusehen können, wenn sie sich darauf rumflegeln.

Meine Essecke? Die Stühle sind fast noch neu (nun ja, wenn man von der einen oder anderen Katzen-Kratzspur mal absieht). Aber ich liebe sie, jeder Stuhl hat eine andere Farbe. Und die Sitzkissen darauf sind auch wieder in verschiedenen Farben, nicht passend zu den Farben der Stühle. Ich liebe es bunt. Aber? Nun ja, doof, wenn über mindestens einem Stuhl immer die Wäsche hängt. Warum die Wäsche? Weil ich mir gerne unnötige Arbeit erspare. Und ich habe einen zeit- und bügelsparenden Trick gefunden. Nach dem Trockner schüttele ich die T-Shirts und Pullover kräftig aus und hänge sie über den Stuhl. Vielleicht fängt „man“ anschließend an zu bügeln. Falls nicht, sind die T-Shirts nach 2 Tagen komplett glatt und man kann sie zusammenlegen. Praktisch, aber zum Fotografieren nicht so gut geeignet.

Meine Küche? Irgendwie habe ich immer das Gefühl, das das eine WG-Küche ist. Kaum ist sie sauber und aufgeräumt, kommt irgendjemand und stellt schmutziges Geschirr AUF die Spülmaschine. Oder macht sich was zu essen. Oder zu trinken. Oder meine Tochter kreiert irgendwas neues, das sie bei Youtube gesehen hat. Oder die Tiere werden gefüttert. Also auch nicht geeignet. Warum klappt das denn bei anderen? Warum sieht das immer so toll aus auf (anderer Leute) Fotos?

Seit ich Bilder auf Instagram poste, fällt es mir immer öfters auf. Wenn ich einen kleinen Ausschnitt aus meinem Leben zeige, dann sieht das für mich plötzlich auch ganz toll aus. Sobald ich bewusst hinsehe, kann ich die Schönheit im Alltag, im Detail erkennen. Die Kamera hilft beim Zoomen. Eine Freundin aus der Großstadt hat mal den Blick von unserem Balkon bewundert. Ich lebe schon immer hier in diesem Haus, mir fällt das schon gar nicht mehr auf. Aber ja, es stimmt. Es sieht wunderschön aus, wenn ich ins Tal sehe. Unverbauter Blick auf einen großen Wald und auf Wiesen. Oft auch auf eine Herde Kühe. Oder auf einen Fuchs oder ein Reh. Wie schön ist das denn?

Der Adventskranz – dieses Jahr selbstgemacht von meiner Tochter und deshalb etwas Besonderes. Im Bad stehen nicht nur tausende von Flaschen und Tuben durcheinander herum – sondern auch vier Glasvasen mit bunten Glassteinen…..gesammelt in vielen Familienurlauben an meinem Traumstrand. Die Kinder und wir – nebeneinander in einer Reihe, den Blick auf den Sandboden gerichtet und die Freude, wenn jemand eine vom Wasser ganz weich geschliffene Glasscherbe gefunden hat. Grüne, weiße und orangefarbene Glassteine. Ganz selten und deshalb mit lautem Geschrei bejubelt die dunkelblauen Steine. Alles gesammelt in Glasvasen auf dem Badezimmerschrank.

Das Aquarium im Wohnzimmer passt eigentlich gar nicht dorthin. Es verstellt die Tür ins Schlafzimmer (wir haben aber noch eine ), es quetscht sich zwischen Wand und Wohnzimmerschrank. Aber ich habe von meinem abendlichen Platz auf dem Familiensofa den direkten Blick auf meine Fische – und zu einigen könnte ich eine Geschichte erzählen. Meine abendliche Wasserwelt-Betrachtung: gemütlich, entspannend und herrlich unperfekt. Apropos Familiensofa. Gekauft haben wir ein Sofa in U-Form, das man ausziehen kann, so dass es eine große Liegefläche hat. Ausziehen KANN – nun ja, es wird eigentlich nie mehr zusammengeklappt, weil das schlicht und ergreifend unnötig ist. Zehn Wolldecken, unzählige große und kleine Kissen, Katzen, Hunde, der Mops auf allerhöchster Stelle, Kinder, Patenkinder, Freunde der Kinder – alles hat darauf Platz. Gemütlichkeit pur. Auch wenn es ganz und gar nicht aufgeräumt aussieht, dieses Kuddelmuddel.

Unser Wohnzimmerschrank…. die Ablageflächen sind irgendwie nie leer. Da ich ja viel, viel, sehr viel Porzellan kaufe, auch online, steht das Geschirr nach dem Auspacken immer zuerst im Wohnzimmerschrank rum. Geknipst wird nämlich….. auf unserem Sofa Klar, ich habe unten im Porzellankeller extra eine profimäßige Fotobox zum Knipsen mit vier verstellbaren Lampen als Beleuchtung und unterschiedlich farbigem Hintergrund…. Bullshit, die Fotos werden auf unserem schwarzen Ledersofa einfach am schönsten.

Und dann hatte ich endlich kapiert, dass auch Fotos auf Instagram und Co nicht „gelogen“ sind. Sie zeigen einen kleinen Ausschnitt der Realität. Den Ausschnitt, den man jetzt und aktuell zeigen will. Perfekt auf seine eigene Art und Weise. Einen Meter nach rechts oder links gedreht, kann der Effekt ganz anders sein.Wenn man zoomt, auch. Es ist für das eigene Erleben wichtig, wohin die Aufmerksamkeit geht. Nervt uns das große ganze? Das Durcheinander und das nicht Erledigte und das Un-perfekte? Oder richten wir unseren Blick lieber auf das, was uns und unser Leben ausmacht? Was einzigartig ist und was uns etwas bedeutet? Was gemütlich ist und schöne Erinnerungen auslöst? Man hat die Wahl.

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PS: auch dieses Foto, gerade eben gemacht, ist perfekt unperfekt. Klirrend kalt draußen, wunderschöne Landschaft,… und oh Schreck, der Gartenschlauch liegt da noch so im Weg rum. Ja, klar, wenn man den Blick genau darauf richtet, dann nervt er echt. Andere Leute machen ihren Garten winterfest. Wir kommen erst im Frühjahr dazu. Aber wenn man einen Zentimeter nach rechts schaut, dann sieht man, wie unsere Lotte angeeilt kommt, weil sie Kohldampf hat. Da sollte die Energie hin, da ist dann plötzlich Leben im Bild. Und der Gartenschlauch wird unwichtig.

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